Joseph Beuys (1921 – 1986) gilt als einer der bekanntesten, umstrittensten und schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, der mit seinen spektakulären Aktionen und Thesen in den 1960er- bis 1980er Jahren immer wieder für Aufsehen sorgte.

Sein Leben umranken Legenden und Mythen, denen er auch selbst immer wieder den Boden bereitete. So wurde der in Krefeld geborene Künstler im Zweiten Weltkrieg als Bordfunker über der Krim abgeschossen und verletzt. Dieser Absturz diente ihm als Stoff für eine Legende, die für sein künstlerisches Werk und Materialwahl wegweisend werden sollte. Demnach fanden ihn nomadisierende Krimtataren und pflegten ihn mehrere Tage aufopfernd mit ihren Hausmitteln – tierisches Fett zur Salbung der Wunden und Filz zur Wärmeisolierung.

Beuys war ein charismatischer Ausnahmekünstler, Provokateur und nicht zuletzt ein politischer Aktivist und Visionär, der in der Kunst die Kraft sah, gesellschaftliche Prozesse zu verändern. In seinem umfangreichen Werk und als über die Maßen engagierter, jedoch stark polarisierender Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, setzte er sich mit Fragen des Humanismus, der Sozialphilosophie und Anthroposophie auseinander und hat mit seiner Definition eines „erweiterten Kunstbegriffs“ wesentlich unser heutiges Verständnis zeitgenössischer Kunst geprägt.

„Jeder Mensch ein Künstler“ ist sicher der am meisten – oft jedoch auch unreflektiert – zitierte Satz des rastlosen Aktionskünstlers, der beständig und vehement, aber immer auch mit viel Witz und Ironie für seine Idee der „Sozialen Plastik“ eintrat und für jeden Menschen die Möglichkeit zum kreativen Mitgestalten an der Gesellschaft und der Politik forderte. Dabei tat er „immer das, was scheinbar abwegig war – 100 Tage auf der documenta reden, sich in Filz einwickeln, mit einem Kojoten zusammenleben, Leuten die Füße waschen, den Wald fegen, dem toten Hasen die Bilder erklären, eine Partei der Tiere gründen und das Messer verbinden, als er sich in den Finger geschnitten hatte.“ (Heiner Stachelhaus: Joseph Beuys, Düsseldorf 1996).

Der Film „Beuys“ besteht zum großen Teil aus Archivmaterialien, die den Künstler bei seinen Aktionen, Diskussionen und Provokationen zeigen. Regisseur Andres Veiel war überrascht zu sehen, so erzählt er, wieviel Humor Beuys hatte, und er arbeitet den Visionär heraus, der schon vor Jahrzehnten, lange vor geplatzten Spekulationsblasen und Bankencrashs kapitalismuskritisch über Geldkreisläufe nachgedacht hat, über bedingungsloses Grundeinkommen und direkte Demokratie. Neben dem Archivmaterial kommen im Film der Künstler Klaus Staeck, der Sammler Franz Joseph van der Grinten, der Beuys-Schüler Johannes Stüttgen, die Kunsthistorikerin Rhea Thönges-Stringaris und die Kritikerin Caroline Tisdall zu Wort.

Andres Veiel hat 18 Monate lang an „Beuys“ gearbeitet, verteilt über einen Zeitraum von drei Jahren. Für die Recherche, Sichtung und Rechteklärung des Archivmaterials - rund 400 Stunden Bewegtbild (Film und Video) sowie mehr als 20.000 Fotos - hatte er schon frühzeitig die Bildrechercheurin Monika Preischl in das Projekt eingebunden, mit der er schon bei „Wer wenn nicht wir“ zusammengearbeitet hat. Beim Branchentreff „Dokville“ dieses Jahr in Stuttgart berichteten beide über die schwierigen Verhandlungen mit rund 200 Rechteinhabern über die Lizenzrechte.

Manche Fotografen hätten ihr Material zu fairen Konditionen angeboten, andere aber bei den Fotos „astronomische Preise“ aufgerufen, die die finanziellen Möglichkeiten einer Dokumentarfilmproduktion bei weitem gesprengt hätten.

Eine „Herausforderung“ und „Achterbahnfahrt“, so Veiel, seien auch die Verhandlungen mit der Witwe Eva Beuys gewesen, die erst nicht bereit gewesen sei, der Abbildung von rund 60 Kunstwerken in dem Film vertraglich zuzustimmen. Die Alternative wäre gewesen, den Film ganz ohne die Kunstwerke zu machen und stattdessen mehr Interviews einzubauen, aber das wollte Veiel nicht. Er verhandelte weiter, und am Ende habe Eva Beuys unterschrieben. Und zwar deshalb, vermutete Andres Veiel bei „Dokville“, weil er nicht als Bittsteller aufgetreten sei, was für sie „eine unerträgliche Schwäche“ gewesen wäre.
Simone Jung / Klaus Peter Karger