Warum dieser Film zum Guckloch-Jubiläum? Weil er nicht nur mich damals begeistert hat! Vor allem aber weil der Regisseur Peter Lilienthal, der zur Vorführung von „Dear Mr. Wonderful“ am 26.11.1982 ins Guckloch kam, mit seiner äußerst sympathischen Art die Besucher damals verzaubert hatte und für mich diese Begegnung mit ihm zu einem der beeindruckendsten Momente meiner 22-jährigen Guckloch-Arbeit wurde.

Es ist eigentlich nicht möglich dieses damalige Filmerlebnis heute noch nachvollziehbar zu beschreiben, wenn man den Film seither nicht mehr gesehen hat – und ich habe ihn seither leider nicht mehr gesehen. Umso gespannter bin ich natürlich, „Dear Mr. Wonderful“ nun wieder zu sehen! Ich will deswegen anfangs erstmal beschreiben, was diesen Film mit seinem Regisseurbesuch damals für das Guckloch so bedeutend gemacht hat:

Peter Lilienthal wurde am 27.11.1929 in Berlin geboren. Zehn Jahre später floh seine Mutter mit ihm vor den Nazis nach Uruguay. Ab 1956 studierte er an der HdK in Berlin. Von 1961 bis 1964 arbeitete Lilienthal beim Südwestfunk Baden-Baden, zuerst als Regie- und Produktionsassistent, später als Regisseur. 1964 zog er zurück nach Berlin und arbeitete fortan als Regisseur. Später zog er nach München, wo er noch heute lebt.

Seine Exilerfahrungen in Südamerika waren sicherlich die Basis für seine Filme „La Victoria“ (1973), „Es herrscht Ruhe im Land“ (1975), „Der Aufstand“ (1980) und „Das Autogramm“ (1984), die z.B. die Unterdrückung der Bevölkerung durch Militärjuntas, Chile und den Pinochet-Putsch oder den Sandinisten-Aufstand gegen Diktator Somoza thematisierten, während in Deutschland Franz-Josef Strauß den Diktator Pinochet hofierte und die DDR Pinochet-Verfolgten Asyl gewährte. Diese Filme gehörten deswegen zum festen Repertoire aller Filmclubs, Kommunalen Kinos und Programmkinos dieser Zeit, die ihre Arbeit auch mit einer klaren gesellschaftspolitischen Verantwortung verbanden. Peter Lilienthal war einer ihrer großen Regiestars!

Für „Es herrscht Ruhe im Land“, „Dear Mr. Wonderful“ (1982) und „Das Schweigen des Dichters“ (1986) erhielt Lilienthal jeweils einen Deutschen Filmpreis. Sein Film „David“ wurde bei der Berlinale 1979 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Weitere seiner bekanntesten Filme aus der umfangreichen Filmografie Lilienthals: „Malatesta“ (1970), „Jakob von Gunten“ (1971), „Hauptlehrer Hofer“ (1975) und „Der Radfahrer von San Cristobal“ (1986). 

Gelegentlich wirkte Lilienthal auch als Darsteller in Filmen befreundeter Regiekollegen mit, beispielsweise in Wenders „Der amerikanische Freund“ (1976/77). 1971 gründete er mit anderen Autorenfilmern (u.a. Wenders und Geissendörfer) den Filmverlag der Autoren, zu dem dann auch Fassbinder dazustieß. Auf Anregung von Günter Grass wurde Lilienthal 1984 Gründungsdirektor der Sektion Film- und Medienkunst der Akademie der Künste in West-Berlin.

Wie bereits erwähnt, gehörten damals die Filme Lilienthals auch zum festen Repertoire des Guckloch. Ich hatte früh begonnen, vor allem Nachwuchsregisseure einzuladen, um ihre Filme im Guckloch persönlich vorzustellen, um die Kommunikation über Film und Kino, die für mich eine wesentliche Motivation für meine Beteiligung an der Gründung des damaligen Filmclub Guckloch war, zu intensivieren. Dass diese Lockrufe in das beschauliche Villingen, weit weg von den deutschen Kinometropolen, in eine eigentlich baufällige Scheuer, nur eingeschränkt attraktiv waren, kann sich bestimmt auch heute noch jeder vorstellen. Aber es gelang bekanntermaßen.

In meinem vielleicht jugendlich-naiven Größenwahn rief ich dann eines Tages Peter Lilienthal an. Ich sprang damals vor Freude an die Decke, als Lilienthal zusagte – allerdings mit einer, für mich ungewöhnlichen Einschränkung: ich sollte „Dear Mr. Wonderful“, der bis dato noch keinen Kinostart hatte, zuerst anschauen und mich dann nochmal melden. Also bat ich seine damalige Verleiherin, die äußerst engagierte Clara Burckner vom Basis-Film Verleih, mir eine Filmkopie (damals waren wir ja noch weit weg von digitalen Sichtungsmöglichkeiten!) zur internen und kostenfreien Begutachtung zu schicken. Sie willigte ein. Folk Club-Gründer Hansjörg Malonek, der damals ebenfalls zum Guckloch-Team gehörte, und ich schauten uns „Dear Mr. Wonderful“ in der Scheuer an: Wir waren total begeistert und unsere Buden schmückten fortan jeweils ein Plakat dieses Films.

Nun war es durchaus nicht einfach, in Villingen eine adäquate Aufmerksamkeit für einen derartigen Filmabend, die besondere Bedeutung, die damit verbunden war, zu vermitteln. Einer der dies alles immer sofort richtig einordnen konnte, war Hanns-Georg Rodek, damals noch Redakteur der Südwest Presse in Schwenningen, heute bei der Welt einer der einflussreichsten Filmkritiker Deutschlands. Er begann seinen Bericht am 30.11.1982 in der Südwest Presse damit: „Am vergangenen Freitag war der Regisseur Peter Lilienthal im Villinger Filmclub Guckloch. Das ist so, als besuche Helmut Kohl den CDU-Ortsverein in Deißlingen oder Heinrich Böll die Dürrheimer Stadtbibliothek. Denn der Berliner gehört in eine Reihe mit den wichtigsten Namen des Neuen Deutschen Films: Fassbinder, Herzog, Wenders, Schlöndorff und eben Lilienthal. (...) Erst zweimal hat Lilienthal seinen neusten Film 'Dear Mr. Wonderful' vorher mit Zuschauern diskutiert: in der Ostberliner Akademie der Künste oder mit der Filmcrew in New York. Berlin - New York - Villingen, keine alltägliche Reiseroute.“

Rodek zitiert in seinem Artikel die Reaktion Lilienthals auf die Einladung nach Villingen: „Als ich hörte, dass das ein Filmclub ist, hat mich das mehr überzeugt als die Einladung von meinem Verleih, in ein normales Kino zu gehen. Hier habe ich die Möglichkeit, ein privates Gespräch zu führen. Vor einem großen Publikum werden bloß Höflichkeiten getauscht.“

Es war für die Zuschauerinnen und Zuschauer sowie für die Guckloch-Crew ein bezaubernder Abend, mit einem wunderbaren Film und einem äußerst freundschaftlich-sympathischen Peter Lilienthal, ein Abend, der deswegen unvergesslich bleiben sollte. Und wer diesen Text besonders aufmerksam gelesen hat, weiß, dass wir in dieser Nacht, um Mitternacht den 53. Geburtstag Lilienthals gefeiert haben, noch lange und mit selbst gebackenem Kuchen.

Ich bin Peter Lilienthal später noch einige Male begegnet, zuletzt im vergangenen Jahr, als er Teil der Jury beim Filmfestival Mannheim-Heidelberg war, der dabei unverändert mit seinem freundschaftlich zugewandten Wesen für schöne, menschliche Momente sorgte.

Abschließend aber nun noch ein paar Informationen zum Film:
Ruby Dennis, gespielt von Hollywood-Star Joe Pesci, hält sich in New York als Barsänger und Besitzer einer schäbigen Bowling-Bahn namens „Ruby?s Palace“ über Wasser. Trotz aller Rückschläge glaubt er fest daran, noch einmal das ganz große Geschäft zu landen und zu Geld zu kommen. Immobilienspekulanten, die seine Bowlingbahn abreißen und als Baugrund nutzen wollen, machen seine Träume jedoch zunichte – am Ende steht Ruby ohne alles da. Trotzdem denkt er nicht daran, seine Ziele und Träume aufzugeben. Vor „Dear Mr. Wonderful“ hatte der Hauptdarsteller Joe Pesci nur einen großen Filmauftritt, an der Seite von Robert de Niro in Martin Scorseses „Wie ein wilder Stier“ (1980). Seine große Karriere begann erst danach, mit Filmen wie beispielsweise „Es war einmal in Amerika“ (1984), „Good Fellas“ (1990), „Kevin -Allein zu Haus“(1990), „JFK - Tatort Dallas“ (1991) und „Casino“ (1995). Er erhielt zahlreiche Preise und Nominierungen und für „Good Fellas“ einen Oscar.
Bei „Dear Mr. Wonderful“ ist jedoch ein Wegbegleiter Lilienthals besonders zu erwähnen, der mit dieser Zusammenarbeit sicherlich einen wesentlichen Push für seine folgende Weltkarriere bekam: der Kameramann Michael Ballhaus, geboren 1935 und leider kürzlich, am 12. April diesen Jahres verstorben. Nach einer zweijährigen Fotografenausbildung begann Ballhaus 1959 beim Südwestfunk, zuerst als Kameraassistent, schließlich als Chef-Kameramann. Dort lernte er auch Peter Lilienthal kennen, mit dem er dann fortan intensiv zusammenarbeitete. In Deutschland wurde er dann jedoch eher durch die Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder bekannt. „Dear Mr. Wonderful“, der in New York realisiert wurde, brachte Ballhaus in die USA. Anschließend war er bei dem wunderbaren Film „Baby it's you“ von John Sayles für die Kamera verantwortlich. Danach begann die beispiellose Karriere von Michael Ballhaus in den USA: er arbeitete dort u.a. und meist mehrfach für Martin Scorsese, Prince, Paul Newman, Mike Nichols, Francis Ford Coppola, Robert Redford, Wolfgang Petersen, Barry Levinson. Er erhielt zahlreiche Filmpreise, darunter Deutsche, Bayerische und Europäische Filmpreise sowie insgesamt drei Oscar-Nominierungen, für „Nachrichtenfieber“, „Die fabelhaften Baker Boys“ und „Gangs of New York“.
Dieter Krauß
Quellen: Wikipedia, Deutsches Filminstitut - DIF e.V., "Kinogeschichte(n)" (Herausgeber: Gisela Gerst und Dieter Krauß), Hanns-Georg Rodek in: Die Welt, 27.11.2009 (Der Regisseur Peter Lilienthal wird 80) - und eigenes Gedächtnis