Im Jahr 2002 folterten in einem Dorf in Brandenburg drei Jugendliche im Alter von 17 und 23 Jahren eine ganze Nacht lang einen 16-jährigen und töteten ihn am Ende durch einen Tritt auf den Hinterkopf, wie sie es zuvor in dem Spielfilm „American History X“ über die US-amerikanische Neonazi-Szene gesehen hatten. Danach verscharrten sie die Leiche in einer Jauchegrube. Erst Monate später wurde der Tote entdeckt. Täter und Opfer kannten sich. Alkohol spielte bei der Tat eine Rolle, aber auch latenter oder offen geäußerter Rechtsextremismus. Die Täter hatten den 16-jährigen mehrfach gezwungen, sich als „Jude“ zu bekennen und ihn daraufhin geschlagen. Mehrere Erwachsene bekamen die Misshandlungen mit, griffen aber nicht ein.

„Der Kick“ ist die filmische Adaption eines Theaterstücks über das grausame Geschehen, das Andres Veiel und und seine Co-Autorin Gesine Schmidt geschrieben hatten. In einem Gespräch mit Sabine Willmann von der „Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm“ berichtete Andres Veiel dieses Jahr in Stuttgart von den monatelangen Recherchen zu „Der Kick“. Nachdem die Medien 2002 in das „Neonazi-Dorf in Brandenburg“ eingefallen waren, den Dorfbewohnern der „zivilisatorische Standard“ aberkannt worden war, hätten sich die Eltern der Täter, die Mutter des Opfers, die Freunde und Bekannten nicht zu Gesprächen vor der Kamera bereit gefunden. Aber Veiel gab nicht auf. Indem er die Ernsthaftigkeit seines Anliegens deutlich machte, gelang es ihm, die Zeitzeugen zu Gesprächen mit dem Tonbandgerät zu bewegen. Einer der Beteiligten habe nach dem ersten vierstündigen Gespräch dann gesagt, „kommen sie doch wieder“. Für Veiel ein Indiz für das innere Bedürfnis sich mitzuteilen, wenn jemand kommt, der wirklich am Leben eines Menschen interessiert ist und nicht nur an der Oberfläche. Auf der Grundlage der so gewonnenen und abgetippten Aussagen, ergänzt um die Gerichtsakten, Vernehmungsprotokolle und psychiatrischen Gutachten zu den Tätern entstanden erst das Theaterstück und dann der Film.

Der ganze Film ist in einem großen, nur spärlich möblierten Raum inszeniert. Eine Gewerbehalle mit Stützpfeilern, im Hintergrund ein beleuchteter Kasten mit Glasscheibe, der an die gepanzerten Kabinen für die Angeklagten in manchen Gerichtssälen erinnert, im Vordergrund eine Sitzbank. Durch Lichtwechsel werden einzelne Teile der Szene beleuchtet oder in Schwarz gehüllt. Die Aussagen der 20 Personen in diesem Film werden von nur zwei Schauspielern verkörpert: Markus Lerch und Susanne-Marie Wrage, die für ihre Darstellung in „Der Kick“ beim Dokumentarfilmfestival in Nyon den Hauptpreis der Jury erhielt.

Die Art der Inszenierung schafft einerseits Distanz, gleichzeitig aber ist der Zuschauer gefesselt vom intensiven Spiel der beiden. „Mit Stimme, Mimik und Körpersprache lassen sie aus den aufgezeichneten Aussagen glaubwürdige Charaktere entstehen. Die schauspielerische Leistung, alle Personen so darzustellen, dass man zu jedem Zeitpunkt, ohne es sich auch nur bewusst machen zu müssen, sofort weiß, wer gerade spricht, ist bewundernswert“, so eine Kritik auf filmstarts.de. „Entscheidender aber ist, dass sie in ihren Darstellungen weder verharmlosen noch als intellektuell und emotional verkrüppelt denunzieren. Man sieht eine Interpretation der Aussagen der Beteiligten, die als Interpretation erkennbar, aber dabei so intensiv ist, dass man sich mit ihr beschäftigt, genauer: sie einen beschäftigt, ob man will oder nicht.“

„Der Kick“ liefert keine einfache Antwort auf die Frage, wie es zu diesem Verbrechen kommen konnte. Vieles mag eine Rolle gespielt haben. Alkoholismus, Perspektivlosigkeit durch den Verlust der Arbeit, Krankheit, Verwahrlosung, Nachwende-Traumata, Behördenwillkür, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus, lange zurückliegende Demütigung, Gewalterfahrungen zu Kriegsende, nie behandelt wurden und bis heute nachwirken. Wie die Beschäftigung mit einem solchen Stoff auch ihn als Filmemacher mit eigenen Grenzen konfrontiert hat, machte Andres Veiel in einem Gespräch am Rande der diesjährigen Dokumentarfilmtagung „Dokville“ in Stuttgart deutlich. Er habe einen der jugendlichen Täter in der Haftanstalt besucht und sich vorgenommen, dass er ihm nicht die Hand geben wird. Aber dann habe er diesen Menschen in sich zusammengesunken in der Ecke des Besucherraums gesehen, ein 23-jähriger, der sich sein Leben verbaut hat, und das habe ihn emotional berührt. Dieses Hin- und Hergerissensein müsse man als Regisseur aushalten, meinte Veiel sinngemäß. Ein solches Gefühl zuzulassen, aber gleichzeitig nicht die Schwere der Tat, die Brutalität des Verbrechens zu entschuldigen.
Man könnte sagen, dass die Gewalt in jedem Menschen steckt, so Andres Veiel in einem Interview im „Filmdienst.“ Aber: „Der Mensch hat die Entscheidung, auch anders zu handeln. Ich bin überzeugt, es gibt so etwas wie den freien Willen, und das Interessante ist, unter welchen Bedingungen agiert er so, daß dieser freie Wille ausgehebelt wird, sodass Menschen gewalttätig werden.“
Klaus Peter Karger
Quellen: Sichtung des Films, Dokville/AG DOK 2017, Filmdienst, filmstarts.de