Nachdem die 19-jährige Jay (Maika Monroe) mit einem Jungen namens Hugh (Jake Weary) Sex im Auto gehabt hat, findet sie sich plötzlich, mitten in der Nacht, auf einem Stuhl gefesselt. Dort erklärt ihr Hugh, dass sie jetzt unter einem Fluch steht und von einem Wesen verfolgt wird, das jede Form aufnehmen kann und das nur sie sehen kann. Wird sie von ihm berührt, wird sie sterben. Jetzt beginnt für Jay und ihre Freunde eine lange und gefährliche Reise in die einheimischen Suburbs des leeren Detroits…

Achtung! „It Follows“ ist nicht der übliche Slasher für den Samstagabend. Hier gibt es kaum kreischen, kaum Blut. Und nichts von dieser zerstörenden, postmodernen Selbstironie, die im neuen amerikanischen Horror-Film herrscht und nur zeigt, dass die Regisseure nicht mehr an die Magie des Filmmediums glauben. Nein, hier ist die Angst ständig da, an einem Fenster, an einer Tür, in der leeren Straße. Weil die wahre Angst nicht von dem, was man sieht kommt, sondern nur aus der Einbildung. Es ist ein atmosphärischer Film, in der Tradition von Carpenter und Romero, jenen zwei offensichtlichen Vorbildern dieses bizarren und besonderen Filmes.

Schon die Grundidee des Filmes ist besonders original. Hier wird Sex nicht als Erregung für pickelige Teenager (oder für den Zuschauer) betrachtet, sondern als Übertragungsmittel für einen Fluch, welcher damit wie eine sexuell übertragbare Krankheit funktioniert und als Symbol für AIDS verstanden werden kann. Sex steht im Mittelpunkt des Filmes und wird hier aus seiner ernsten und gefährlichen Perspektive betrachtet.

Ein Alptraum unter der Sonne
Der Regisseur wollte einen Alptraum inszenieren. Und genau so fühlt sich der Film an – mit der leeren Stadt, der ängstlichen Farbgebung. Die Gefahr besteht nicht nur nachts, sondern auch tagsüber, bei hellem, sonnigem Himmel. Ständig. Weil es keinen sicheren Ort gibt, wo auch immer man sich aufhält, wohin man auch flieht. Genau wie im Alptraum.

Ab der ersten Szene werden wir in diese violett-grüne, von elektronischer Musik saturierte Welt hinausgeworfen. Eine Welt der Bedrohung, in der jeder Gegenstand plötzlich gefährlich sein kann. Eine Tür, ein Gesicht am Fenster, eine Frau auf der Straße. Die Welt ist nicht mehr freundlich, sondern fremd, an der Grenze der Verrücktheit. Es gibt keinen Ausweg. Besonders eindrucksvoll ist, dass in dieser Welt keine Erwachsene zu sehen sind, oder sie sind nur diffus und bedrohend. Es ist eine Welt, in der die Jugendlichen alleine sind, ohne Orientierungspunkte. Die reichen Viertel, die sie durchwandern sind das Symbol schlechthin für den American Dream, welcher Komfort und Ruhe bringen sollte, doch hier weder Sicherheit noch Hoffnung mehr bieten kann. Somit kann auch der Film als Kritik der amerikanischen Gesellschaft angesehen werden, eine Art American Beauty mit Horror-Gefühl. Die ehemalige Industriestadt Detroit, die jetzt eher als Geistesstadt erscheint und somit den perfekten Hintergrund für einen Horror-Film bildet.

Der Film versteht sich aber auch als Hommage an die Großen des Horrorfilm-Kinos der 70-er Jahre. Zunächst erinnert er an John Carpenters Filme wie „The Fog“, „The Thing“ oder „Halloween“, wegen der charakteristischen, träumerischen Stimmung, und weil er sich mehr an die Dynamik der Gruppe interessiert als für das Schicksal individueller Helden. Von Dario Argento (Suspiria) und Mario Bava (Die toten Augen des Draculas) leiht er sich die visuelle Meisterkraft und die perfekte Komposition der besten „Gialli“ (der Film wurde oft für die beeindruckende Schönheit seiner Bilder erwähnt). Von Georges Romero (Die Nacht der lebenden Toten) nimmt er diese leere, hoffnungslose Zombie-Welt, die als Gesellschaftskritik zu verstehen ist.

„It Follows“ ist der zweite Film des Regisseurs David Robert Mitchell nach „The Myth of the American Sleepover“, einem Choral-Film, der ebenfalls einer Gruppe von beängstigten Teenagers im nächtlichen Detroit folgte. Mitchell geht mit diesem Horrorfilm noch weiter. Trotz kleinem Budget überzeugt durch die Reife seiner Regie, insbesondere durch seine hervorragende Schauspielführung. Ein wichtiger Aspekt ist aber auch die omnipräsente Musik von Disasterpeace, saturierter Rock voller Stimmung, eine klare Erinnerung an die Musik von Carpenter oder die Goblins in den Filmen von Argento.

Klug und stimmungsvoll. Der Alptraum beginnt…
Bruno Gouat