Noch ein Dokumentarfilm zur Flüchtlingsfrage, wo doch seit der Bundestagswahl zumindest für die CDU/CSU-Fraktion klar zu sein scheint, wie es weitergeht. Nämlich Korrektur der bisherigen Positionen und Begrenzung der Zuwanderung? Ja, noch ein Dokumentarfilm dazu, und zwar ein ganz besonderer. „Der gelungene Versuch, den zahllosen anonymen Migranten am Beispiel eines Einzelschicksals ein Gesicht zu geben", wie die „Hannoversche Allgemeine Zeitung" schrieb. Und das in einer „mitreißenden Dramaturgie, die von der ersten bis zur letzten Minuten berührt", so die Filmbewertungsstelle Wiesbaden, die den Film als „besonders wertvoll" prädikatisiert hat.

Der Regisseur, Grimme-Preisträger Jakob Preuss, begann 2011 mit Recherchen an den EU-Außengrenzen für ein Filmprojekt mit dem Arbeitstitel „Europe's Borderlands". Er befragt Wachpersonal, Mitarbeiter der europäischen Grenzschutzagentur Frontex und auch Geflüchtete. Es soll ein Film werden über die europäische Innenansicht der Flüchtlingsthematik. Ein Drehort ist 2014 auch die spanische Exklave Melilla in Marokko, wo ein sechs Meter hoher Drahtzaun Europa von der übrigen Welt trennt. Jenseits des Zauns warten Geflüchtete in Lagern darauf, den Zaun zu überwinden. Dort trifft Preuss auf Paul Nkamani, einen Intellektuellen aus Kamerun, der in seiner Heimat Jura und Politik studiert hat, bis er wegen der Teilnahme an einem Streik vom Studium ausgeschlossen wurde. Paul führt den Filmemacher durch das Lager und macht ihn mit anderen Migranten bekannt.

Später, wieder zurück in Berlin, erkennt Jakob Preuss Paul Nkamani auf einem Video im Internet. Es zeigt den stattlichen, positiv eingestellten Mann, der zuvor hoffnungsvoll und beharrlich sein Ziel verfolgt hat, als zitternden Menschen, der gerade mit anderen Überlebenden aus einem gekenterten Schlauchboot gerettet worden ist. Die andere Hälfte seiner Gruppe ist im Mittelmeer ertrunken. "Wohl noch nie war ich so von einem Nachrichtenbild bewegt und schockiert. Wir alle sind schreckliche Bilder aus Nachrichten gewohnt, aber ihre verstörende Kraft ist umso größer, wenn man jemanden auf ihnen kennt", schreibt Jakob Preuss in seinen „Director's Notes". Und er beschließt, die Distanz zum Protagonisten, die sonst die Arbeit eines Dokumentarfilmers bestimmen sollte, aufzugeben. Hilft Paul bei seiner Odyssee über Frankreich nach Deutschland, und hier im kaum zu durchschauenden Dschungel des Asylverfahrens.

Der Film ist wie ein Tagebuch strukturiert. Stationen von Pauls Flucht, die zeitlich vor der Begegnung mit Jakob Preuss liegen und deshalb nicht gedreht worden sind, werden durch Animationen visualisiert. An einigen Stellen ist auch der Regisseur im Bild zu sehen, in weiten Teilen aber kommentiert er das Geschehen aus dem Off. Wie auch Paul Nkamani das Geschehen aus dem Off kommentiert. "Manchmal treten diese Ausführungen, Haltungen, Vorstellungen und Erwartungen miteinander in Konflikt, was eine große Stärke des Films ist", schreibt Julia Teichmann in einer Kritik im „filmdienst". Sie lobt, „dass der Film sämtlichen Klischee-Fallen entgeht, was ihm durch permanente Reflexion und Offenheit gelingt, durch Antagonisten wie Schleierfahnder, Frontex-Mitarbeiter und Grenzpolizisten, die als solche nicht taugen, aber auch durch eine kluge, sachliche Montage sowie eine Kameraführung, die nicht einmal auf die Idee kommt, emotionale Momente auszuschlachten."

Am Ende ist Paul Nkamani in Berlin an- und untergekommen. Sein Asylantrag wird abgelehnt, er ist fortan nurmehr geduldet. In einem Fernsehbeitrag des WDR sagt er: „Ich habe den Kopf voller Illusionen, voller Hoffnung, voller Perspektiven. Aber in Wahrheit ist meine Zukunft ungewiß."
Klaus Peter Karger