Yorgos Lanthimos gehört mittlerweile nicht nur zu den profiliertesten Regisseuren Griechenlands, sondern darf auch als einer der derzeit wichtigsten stilbildenden Filmemacher weltweit gelten. Mit dreien seiner bislang sechs Spielfilme gewann er Preise in Cannes, die beiden jüngsten konnte er mit internationaler Besetzung auf englisch realisieren – doch erst jetzt kommt erstmals einer seiner Filme in die deutschen Kinos.

Doch der Versuch, jemandem, der noch nie einen Film von Lanthimos gesehen hat, zu beschreiben, was den einzigartigen Stil dieses Regisseurs ausmacht, ist eine fast aussichtslose Herausforderung. Der surrealistische Stil seiner Geschichten, die makellosen Einstellungen einer anscheinend perfekten Welt, die absichtlich emotionslos gesprochenen Texte seiner Protagonisten lassen seine Filme zu einer Erfahrung werden, die kaum in Worte zu fassen ist. Lanthimos‘ Filme sind Dystopien im besten Sinne des Wortes, angesiedelt in einer an der Oberfläche so perfekten Welt, dass es fast die unsere sein könnte. Doch diese Perfektion wird durchbrochen von Regeln, die so unerklärlich wie absurd sind, dass es fast die unsrigen sein könnten. Aber all das macht die Filme von Lanthimos so gleichermaßen faszinierend wie erschreckend.

„The Killing of a Sacred Deer“ wurde auf dem Filmfestival von Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet – ein Drehbuch, von dem Hauptdarsteller Colin Farrell sagte, dass ihm beim ersten Lesen übel geworden sei. Der Titel bezieht sich auf die griechische Mythologie, auf die Geschichte von Agamemnon und Iphigenie. Agamemnon hatte den Frevel begangen, bei einer Jagd einen Hirsch im heiligen Hain der Göttin Artemis zu töten. Als Artemis drohte, die Flotte Agamemnons auf dem Weg nach Troja zu vernichten, konnte dies nur verhindert werden, indem Agamemnon seine Tochter Iphigenie zur Sühne opferte. In Lanthimos‘ Film besteht der Frevel in einem Kunstfehler des amerikanischen Herzchirurgen Dr. Steven Murphy. Längere Zeit bevor die Handlung des Films einsetzt, starb einer seiner Patienten während der Operation. Doch der Kunstfehler wurde nie bemerkt und so konnte der Arzt seine Karriere am Klinikum von Cincinnati erfolgreich fortsetzen. Erst als der Sohn des verstorbenen Patienten in das Leben von Murphys Familie tritt, befällt diese ein ebenso unerklärlicher wie tödlicher Fluch. Und bald wird klar, es muss ein Opfer gebracht werden.
Auch wenn „The Killing of a Sacred Deer“ nur eine sehr lose Adaption des antiken Stoffes ist, versteckt der Regisseur immer wieder kleine Anspielungen darauf: So schreibt beispielsweise die Tochter des Arztes einen Schulaufsatz über Iphigenie oder in der Wohnung des Arztes ist ein trophäenhafter Hirschkopf zu sehen.

Lanthimos‘ Filme sind surreale Dystopien unserer vermeintlich so perfekt organisierten Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der alles berechenbar und planbar erscheint. Eine Gesellschaft in der Algorithmen über Erfolg oder Misserfolg entscheiden und nichts mehr dem Zufall überlassen bleibt. Die makellosen Weitwinkel-Einstellungen dieser Filme sorgen ebenso wie die emotionslos-hölzerne Sprechweise der Schauspieler für einen Verfremdungseffekt, der die Abgründe hinter diesen perfekten Fassaden bereits erahnen lässt. Das mag nicht jedermanns Geschmack sein, große Kunst ist es allemal. Denn Lanthimos steht in der Tradition der großen beißenden Gesellschaftssatiren von Jean Renoir über Louis Buñuel bis hin zu Stanley Kubrick oder Michael Haneke – freilich mit seinem ganz eigenen, unverwechselbaren Stil.
Richard Hehn