Filmreihe

Die Ost-Wirklichkeit im Blick – der Regisseur Thomas Stuber
Der mehrfach mit Filmpreisen ausgezeichnete Regisseur und Drehbuchautor Thomas Stuber, dem wir in diesem Quartal drei Abende im guckloch-Kino widmen, ist ein Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er hat dort, nach Abitur, Zivildienst und einigen Praktika in der Filmbranche, von 2004 bis 2011 studiert und mit dem Diplom in Medien/Szenische Regie abgeschlossen.

Wir zeigen im Themenschwerpunkt seinen neuesten Kino-Spielfilm In den Gängen, der dieses Jahr bei der Berlinale uraufgeführt wurde, seinen ersten abendfüllenden Spielfilm Herbert aus dem Jahr 2014, sowie am dritten Themenabend den Kurzfilm Von Hunden und Pferden, der 2011/12 den Studenten-Oscar in Silber und den Deutschen Kurzfilmpreis gewonnen hat, sowie den mittellangen Spielfilm Teenage Angst von 2008 – beide Filme entstanden während des Studiums an der Filmakademie.

Thomas Stuber wurde 1981 in Leipzig geboren und ist dort auch aufgewachsen. Die Kindheit in den letzten Jahren der DDR und die Nachwende-Gegenwart in den neuen Bundesländern haben ihn geprägt; daraus bezieht er auch die Stoffe seiner bisherigen Kinofilme. Es sind die einfachen Leute am Rande der Gesellschaft, die ihn interessieren. In Von Hunden und Pferden ist es der arbeits- und mittellose Rolf, der sein letztes Geld in eine Pferdewette investiert, um die 3000 Mark aufzutreiben, die die Operation seines todkranken Hundes kosten soll. In Herbert ist es ein ehemaliger Profiboxer, der sich als Türsteher, Schuldeneintreiber und Trainer eines Nachwuchsboxers durchschlägt und nun plötzlich mit einer unheilbaren Nerven- und Muskelerkrankung zurechtkommen muss. Und Stubers neuester Film In den Gängen ist eine Liebesgeschichte unter Menschen, die als Warenauffüller in einem Großmarkt tätig sind. Eine Gemeinschaft der stillen Solidarität.

»Es geht um Menschen, die sich abgehängt fühlen. Um Menschen, die vielleicht sagen, was ist mit mir. Es gibt so eine kalte Welt da draußen«, sagte Thomas Stuber im „ARD-Berlinale-Studio“ während der diesjährigen Filmfestspiele in Berlin. Und weiter, in Anspielung auf das Wählerverhalten in den neuen Bundesländern: »Und ja, ich könnte mir auch vorstellen, dass drei von fünf Leuten das völlig Falsche wählen hier. Aber ich mag sie trotzdem. Und das ist mein Ansatzpunkt. Und das kann ich als Filmemacher machen. Ich wollte einen Film machen, der völlig empathisch mit allen diesen Figuren umgeht.«

Schon während seines Studiums an der Filmakademie in Ludwigsburg hat Stuber die ganze Härte des Filmemachens erfahren. Für seinen Diplomfilm, die »Visitenkarte aller Absolventen in spe«, wie Ana-Marija Bilandzija in einem Porträt über Thomas Stuber auf der Website der Filmakademie Baden-Württemberg schreibt, habe dieser das Konzept für einen Langfilm ausgearbeitet. Dann Klinken geputzt, um die Finanzierung hinzubekommen, sein Studium um ein Jahr verlängert, um das Projekt umsetzen zu können. Er sei dabei immer weiter in eine Sackgasse gefahren, »doch das Eingeständnis, dass man der falschen Fährte hinterherjagt, trifft sich nicht leicht.« Da half es dann, dass die Akademie Druck gemacht hat, er solle endlich seinen Diplomfilm abliefern.

Stuber ließ das Langfilm-Projekt fallen und wandte sich stattdessen der filmischen Umsetzung einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer zu, eben Von Hunden und Pferden. Ein 30-Minüter, der ihm dann nicht nur Preise bescherte, sondern auch seine mehrfache Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Clemens Meyer begründet hat. Beide verstanden sich nämlich auf Anhieb und schrieben gemeinsam auch die Drehbücher für Herbert und In den Gängen.

Die erste Begegnung mit Clemens Meyer während der Dreharbeiten zu Von Hunden und Pferden schilderte Thomas Stuber in einem Gespräch mit „MDR Kultur“ so: »Wir hatten noch ein bisschen Zeit, bis die Kamera laufen sollte ... Dann sind wir in die ‚Alte Waage‘ (Kneipe und Wettbüro) gegangen, und Clemens wusste schon genau, auf welches Rennen er setzen wollte. So ging das los, so habe ich auch gleich meine erste Wette gemacht … und wir sind ins Gespräch gekommen, haben dann sehr schön gedreht miteinander an dem Tag. Es dauerte dann ein bisschen, bis ich mit dem nächsten Projekt, mit Herbert, zu Clemens kam, aber in der Zeit hatte sich das schon recht schön verbunden.«

Wie Stuber ist auch Clemens Meyer, Jahrgang 1977, in Leipzig aufgewachsen. Laut seiner Vita auf „Wikipedia“ hat er als Schüler und später auch als Student und junger Schriftsteller immer wieder als Bauhelfer, Wachmann, Möbelpacker und Gabelstaplerfahrer gejobbt und am Existenzminimum von Sozialhilfe und Hartz IV gelebt. Die Personen, die er in seinen Büchern erfindet, sind ihm also aus eigener Lebenserfahrung vertraut. »Nur mit diesem Fundament kann ich heute Geschichten erfinden«, sagte er 2008 in einem Gespräch mit dem Magazin „Stern“. Da hatte er als 30-jähriger Shooting-Star des Literaturbetriebs gerade den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse zuerkannt bekommen.

Doch zurück zu Thomas Stuber. Neben seinen Kurz- und Langfilmen fürs Kino hat er inzwischen auch mehrfach als Regisseur fürs Fernsehen gearbeitet. Unter anderem hat er die 2015 ausgestrahlte „Tatort“-Folge Verbrannt inszeniert, der auf einer tatsächlichen Begebenheit basierende Fall eines Asylsuchenden, der in einer Gefängniszelle der Polizei in Sachsen-Anhalt ums Leben kam.

»Grundsätzlich mache ich keine großen Unterschiede zwischen Kino- und Fernsehfilmen. Von der Größe des Bildes leite ich eine gewisse Art des Geschichtenerzählens ab, ja, aber ich habe absolut keine Berührungsängste mit dem Fernsehen«, wird Thomas Stuber auf der Website der Filmakademie Baden-Württemberg zitiert. Auch das, erzählt er, habe ihn die Filmakademie gelehrt. »Es ist möglich, richtig gute, anspruchsvolle Fernsehfilme zu machen. Ich halte diese Fahne gerne hoch!« Ohnehin könne es sich in Deutschland eigentlich kein Filmemacher leisten, ausschließlich Kinofilme zu machen. »Ich arbeite einfach viel zu gerne, als dass ich nur alle drei, vier Jahre einen Film machen möchte.«
Klaus Peter Karger