Filmreihe

Es gibt keine einfachen Antworten - Der Filmemacher Andres Veiel
Andres Veiel, dem wir in diesem Quartal unseren Themenschwerpunkt widmen, ist einer der wichtigen deutschen Dokumentarfilmer der Gegenwart. Wobei Veiel nicht auf das Genre Dokumentarfilm festgelegt ist. Immer wieder arbeitet er auch fürs Theater, und 2011 hat er mit „Wer wenn nicht wir“ seinen ersten Spielfilm inszeniert, dessen Drehbuch allerdings auch auf fundierten Recherchen basiert. Seine Arbeiten wurden mit mehr als 30 nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

In einer Zeit, in der viele Menschen von der Komplexität der globalen Welt überfordert sind und nach einfachen Antworten und schnellen Lösungen rufen, hält er in seinen Dokumentarfilmen daran fest, den Menschen in all seiner Widersprüchlichkeit auszuloten. Stellt Biografien in den Kontext der Historie und der jeweiligen gesellschaftlichen Situation. Die Medienwissenschaftlerin Margarete Wach beschreibt sein dramaturgisches Konzept als „die Lust an der Aufhebung vorgeformter Weltbilder, am Durchbrechen von Klischees, mit dem Ziel produktiver Irritation und Verunsicherung, die dem Zuschauer Raum für einen zweiten, genaueren Blick läßt.“

In einer Zeit der Inflationierung von Bildern und Informationen, die schon nach 24 Stunden von anderen Nachrichten komplett verdrängt werden, habe der Dokumentarfilm die Aufgabe, sagt Veiel, neben und hinter die Schlagzeilen zu schauen, „das scheinbar Alltägliche, Nebensächliche zur Hauptsache zu machen, aus kleinen Details die große Erkenntnis herauszuarbeiten und aus vermeintlich großer Erkenntnis neue Fragen zu produzieren.“ Auch wenn der Dokumentarfilm im Fernsehen und mittlerweile auch im Kino in Nischen abgedrängt wird, ist er überzeugt davon, dass es einen gesellschaftlichen Hunger nach einer dokumentarischen Recherche gibt, einem In-den-Zusammenhang-stellen der vielen Informationssplitter, die täglich über uns hereinbrechen.

Andres Veiel ist 1959 in Stuttgart geboren und somit aufgewachsen in einer Zeit der Studentenunruhen, der kritischen Auseinandersetzung mit der Rolle der Eltern während des Nationalsozialismus, der Abkehr von deren bürgerlicher Welt bis hin zu den Aktionen der RAF. Die Gewalt in der Gesellschaft und ihre Ursachen, von der Demütigung eines Menschen bis zu tiefsitzenden Gewalterfahrungen, die über Generationen weitergegeben werden – das sind die Fragen, die Veiel seit der Jugend beschäftigen. Sein Vater und sein Großvater waren beide im Zweiten Weltkrieg. Ihre Traumatisierung habe sich in die Familiengeschichte eingegraben, sagte Andres Veiel in einem Gespräch im „Filmdienst“.

Als Schüler, schreibt Margarete Wach, habe er zeitweise als Zuhörer in dem Strafprozess gegen Baader, Meinhof, Ensslin und Raspe in Stuttgart-Stammheim gesessen. Ab 1982 studierte Veiel in Westberlin Psychologie und schloss mit Diplom ab, und machte parallel ab 1985 eine Regie- und Dramaturgie-Ausbildung am Künstlerhaus Bethanien. Einer der Dozenten dort war der 1996 verstorbene polnische Filmregisseur Krzysztof Kieslowski, der ihn nach eigener Aussage besonders geprägt hat. Kieslowski hatte vor seinen großen fiktionalen Erfolgen („Dekalog“, „Drei Farben“) auch Dokumentarfilme gedreht, sich von dem Genre aber wegen der Probleme mit der staatlichen Zensur abgewandt.

Einer von Veiels frühen Filmen, „Die Überlebenden“ (1996) beginnt bei einem Klassentreffen seines Abiturjahrgangs. Es werden Erinnerungen ausgetauscht und es wird dreier Mitschüler gedacht, die sich während der vergangenen Jahre umgebracht haben. Veiel nutzt dieses Klassentreffen als Ausgangspunkt für eine Recherche der drei Lebensgeschichten. Aus den Erinnerungen von Freunden, Eltern, Arbeitskollegen und einzelnen Klassenkameraden entstehen Kurzbiografien, die visuell und musikalisch eingebettet sind in die damalige Zeit. Es werden Indizien herausgearbeitet und mögliche Erklärungen dafür, was am Ende zum Suizid geführt haben könnte, aber es gibt keine eindeutigen Antworten. Es ist so gekommen, aber es hätte auch anders kommen können. „Die Überlebenden“ erhielt 1998 den Grimme-Preis des Deutschen Volkshochschulverbands.

Mehrere seiner Filme handeln vom Theater und seinen Mitwirkenden. Veiel inszeniert auch selbst am Schauspiel, zuletzt 2013 in Stuttgart. Schon während des Studiums 1987 hatte er mit Strafgefangenen in Berlin ein Stück erarbeitet, das ihren Gefängnisalltag zum Inhalt hat. Sein Film "Winternachtstraum" (1992) porträtiert die Darstellerin einer Seniorentheatergruppe, die immer Schauspielerin werden wollte, aber in den 1930er Jahren Auftrittsverbot hatte, weil sie "Halbjüdin" war. In "Balagan" (1993) geht es um die Schauspieler eines jüdisch-palästinensischen Theaterzentrums in Israel. In der Langzeitstudie "Die Spielwütigen" (2004) beobachtet er Anstrengung, Überlebenskampf und Enttäuschungen von vier Schauspielschülern in Berlin.

In zwei seiner Filme, „Wer wenn nicht wir“ (über die Vorgeschichte der RAF und das Verhältnis der Linken zur NS-Vergangenheit) und „Der Kick“ (über den brutalen Mord an einem 16-jährigen im rechtsextremen Umfeld in Brandenburg) hat Andres Veiel das Genre Spielfilm benutzt, um Dinge erzählen zu können, die sich im Dokumentarfilm nicht hätten darstellen lassen. Gerade bei gesellschaftlich relevanten Themen werde es schwieriger, dokumentarisch zu arbeiten, sagte er 2011 in einem Interview während der Berlinale. „Die inflationäre Verfügbarkeit von Bildern im Internet, die außerhalb jeglicher Kontrolle durch virtuelle Welten schwirren, sorgt dafür, daß Menschen immer weniger bereit sind, vor eine dokumentarische Kamera zu treten.“ Auch in der kleinen Gemeinde in Brandenburg waren die Zeitzeugen nicht bereit, vor die Kamera zu treten. Aber Veiel gelang es, Vertrauen zu den Protagonisten aufzubauen, sodass sie zu Gesprächen ohne Kamera, aber mit Tonband bereit waren. Die Abschrift dieser Gespräche, ergänzt um Gerichtsakten und psychiatrische Gutachten war die Grundlage für den Film.

Für solche Recherchen, die nicht nur an der Oberfläche kratzen, braucht es Zeit. Monate, manchmal Jahre. Und diese Zeit wird den Dokumentarfilmern von Fernsehsendern und Filmförderungen heute immer weniger bezahlt. Fiktionale Stoffe werden mit Millionenbudgets ausgestattet, aber Dokumentarfilmer kämpfen um eine angemessene Honorierung.

In einem Artikel für das Buch „Aus kurzer Distanz“, herausgegeben vom Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart, beschreibt Andres Veiel aber gerade den Faktor Zeit als das eigentliche Qualitätsmerkmal eines Dokumentarfilms: „Es kostet Zeit, einen Menschen vor Ort kennenzulernen, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Anders als bei einem Skype-Gespräch sehe ich ihm direkt in seine Augen. Ich bekomme mit, wie er wohnt und wie seine Familienverhältnisse sind. Ich erfahre viel und erahne dabei das Wichtigste: Was ein Mensch mir jenseits des faktischen NICHT erzählt – sein Schweigen, sein Geheimnis, seine Aura. Das Schönste an dieser unmittelbaren Begegnung ist für mich das Staunen, das Überrascht-werden.“
Klaus Peter Karger