Armin wird 70, ist gesund, reich, wohnt gediegen in einem Tessiner Dorf, da wo andere Urlaub machen. Ja, vielleicht ist Armin einsam, aber das will er nicht so recht zugeben. Er hat schon vor Jahren den Entschluss gefasst, dass mit 70 genug gelebt ist, und dieses Lebensende minutiös und mit allen Konsequenzen geplant. Jetzt könnte man annehmen, daß einen ein Dokumentarfilm über das freiwillige Ausscheiden aus dem Leben traurig und deprimiert stimmt. Mitnichten!!

Das Leben vor dem Tod war bei den Solothurner Filmtagen mein diesjähriges Highlight und die allgemeine Begeisterung hat nicht nur bei mir Wellen geschlagen, es gab Standing Ovations nach der Vorführung und die Fragerunde danach wurde von einem jungen (! ) Mann eröffnet mit den Worten: „was für ein geiler Film!“

In dem Tessiner Dorf Cumiasca leben nur noch wenige Menschen. Zwei davon lernen wir im Film kennen. Da ist einmal wie gesagt Armin Gloor, früher als Psychologe in Zürich tätig, auch als Chorleiter und Seidenhändler, der sich mit 60 in seine Tessiner Villa ins Privatleben zurückgezogen hat, wo er den eigenen Schnaps brennt. Die Frau hat es allerdings mit ihm nicht ausgehalten und ist ausgezogen, Kinder gibt es nicht.

Der Andere ist Godi (Goffredo) Frei, pensionierter Lehrer aus der Nordschweiz, der ebenfalls nun allein in Cumiasca lebt, gärtnert, an seinem Haus werkelt, Kunstobjekte austüftelt, sich an der Natur und des Lebens freut. Ursprünglich wollte Godi mit professioneller Hilfe seines Sohns einen Film über sein Dorf, die Natur, die Vögel und seinen Nachbarn machen.

Jetzt ist es ein Film geworden über Freundschaft und das Recht auf Selbstbestimmung, in dem sich zudem alles vermischt. Regisseur Gregor Frei, Sohn von Godi, hat es letztendlich in die Hand genommen, die Idee zum Film umzusetzen, wird aber gelegentlich selbst zum Protagonisten, wenn er mit den beiden Älteren über Leben und Tod diskutiert oder mal wieder eingreift, wenn diese Gespräche zu eskalieren drohen. Dafür mischen sich im Gegenzug die Protagonisten ins Filmemachen ein.

Diskutiert und philosophiert wird vor allem über den Plan von Armin, an seinem 70. Geburtstag aus dem Leben zu scheiden. Diesen hat er schon Mitte 60 geschmiedet und verfolgt ihn nur konsequent, was seinen Freund Godi immer mehr aufregt und verständnislos zurücklässt. Er will den Freund davon abbringen, für ihn ist das Vorhaben am Ende Sünde und Anmaßung.

Das Vergnügen am Film besteht trotz des ernsten Inhalts aber an dem kreativen Streit zwischen den beiden Männern, besonders durch die messerscharfe Intelligenz und Armins umwerfenden Sinn für Ironie.

Ein Männerfilm, der auch mir viel Freude gemacht hat.
Gertrud Cammerer-Karger
Quellen: Verleihinfo, Solothurner Filmtage