Im Sommer 1967 drehte Ula Stöckl in München ihren ersten langen Spielfilm Neun Leben hat die Katze, einen Film, den Christa Maerker später als den »ersten feministischen Film der Bundesrepublik« bezeichnete. Der Film gewann 1968 den Hauptpreis auf dem Filmfestival Mannheim und wurde mit einem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Es fand sich auch ein kleiner, unabhängiger Filmverleih, der die Rechte erwarb, um den Film in die regulären Kinos zu bringen. Doch leider ging der Verleih eine Woche vor dem geplanten Starttermin pleite und so erreichte der Film nie die regulären Kinos. Stöckl hatte jedoch aufgrund der Festival-Erfolge und Preise bereits eine Förderungszusage für ein neues Projekt. Doch wozu einen weiteren Spielfilm drehen, der vermutlich ebenso wenig die Kinos erreichen würde wie Neun Leben hat die Katze? So erzählte Ula Stöckl im Februar diesen Jahres auf der Bühne des Berliner Delphi-Kinos bei der Premiere von Der Film verlässt das Kino die Entstehungsgeschichte der „Kübelkind-Filme“.

Die „Kübelkind-Filme“, das sind 25 Kurzfilme – zwischen 2 und 30 Minuten lang – und eines der außergewöhnlichsten Filmexperimente in Deutschland. Die Filme unter der Regie von Stöckl und Edgar Reitz (dem Regisseur der späteren Heimat-Fernsehserien) entstanden 1969/70 zumeist spontan und oft in kürzester Zeit. Manchmal dauerte es von der ersten Drehbuchidee, über den Dreh bis hin zum Schnitt nur ein Wochenende. Neben der Hauptdarstellerin aller Filme Kristine de Loup als Kübelkind traten auch befreundete Regisseure wie beispielsweise Werner Herzog in den Filmen auf. Doch das wichtigste: Die Filme wurden niemals mit der Absicht gedreht, jemals in einem regulären Kino gezeigt zu werden.

Dies bedeutete vor allem eins: Eine sehr große Freiheit. Durch die selbstgewählte Abstinenz von den etablierten Verwertungsketten im Filmgeschäft, von Notwendigkeit befreit, sich den Regeln der Filmbewertungsstellen zu unterwerfen, konnten die Regisseure ihrer Kreativität freien Raum lassen.
»Die Freigabe wurde verweigert, weil das Kübelkind 11-mal zu oft „ficken“ sagt« erzählt Ula Stöckl in Robert Fischers Dokumentation. Gezeigt wurden die Kübelkind-Filme in einem Münchner Restaurant, in dem die Gäste einzelne Filme aus einer Art Speisekarte bestellen konnten.

Von diesem und anderen Experimenten in der Aufbruchstimmung der 60er und 70er-Jahre erzählt Der Film verlässt das Kino. Experimente, die heute noch so erfrischend kreativ und ungewöhnlich wirken, dass man manchmal kaum glauben mag, dass sie schon 50 Jahre alt sind. Und wenn die mittlerweile deutlich gealterten Protagonisten dieser Szene – neben Stöckl und Reitz kommen unter anderem Werner Herzog und Alexander Kluge zu Wort – von der Stimmung erzählen, die damals unter den jungen deutschen Filmemachern herrschte, spürt man nicht nur immer noch den jugendlichen Überschwang in ihren Geschichten, sondern sieht auch heute noch den Schalk in ihren Augen. Und natürlich sind auch zahlreiche Ausschnitte aus den Kübelkind-Filmen zu sehen.
Richard Hehn