»Es gibt keinen Unterschied zwischen Glen Gould und einem Schimpansen, der eine einzige Note auf einem Klavier spielt«
Chilly Gonzales

Haben Sie schon mal ein live-Konzert von Chilly Gonzales erlebt? Falls nicht, haben sie definitiv etwas verpasst. Der kanadische Pianist und Grammy-Gewinner tritt Solo, mit Rock-Band oder auch mit großem Orchester auf. Und seinen Auftritten ist vor allem eines gemein: Jeder ist anders.

Der Pianist mit einer Ausbildung in Klassik und Jazz geht mit dem Klavier mit der Großkotzigkeit eines Rappers um. Er sieht keinen Grund darin, auch bei einem Orchester-Konzert in einer Philharmonie auf Crowd-Surfing zu verzichten oder sich mit offenem Hemd und vollem Brusthaar wie ein Rockstar zu gebärden. Er besitzt einen Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde für das längste Solo-Konzert: 27 Stunden. Er hat einen Werbespot komponiert, der zum internationalen Hit wurde. Seine Klavierschule Re-introduction Etudes mit leichten Übungen für Klavierschüler wurde ein internationaler Bestseller.

»Entschuldigen Sie mich, ich bin gleich wieder bei Ihnen. Ich habe zum Glück noch eine andere Persönlichkeit zum Wechseln dabei.« Chilly Gonzales

Der Dokumentarfilm folgt Gonzales Weg von den späten 90er Jahren, als er aus seiner Franko-kanadischen Heimat in Berlin ankam und sich in die dortige Punk-Szene integrierte. Hier wurde aus Jason Charles Beck die Bühnenfigur Chilly Gonzales. Aus einem Spross des größten Bauunternehmers Kanadas wurde das enfant terrible der Berliner Untergrund-Kultur. Spross einer überaus musikalischen Familie übrigens, sein Bruder Christophe Beck ist ein erfolgreicher Film-Komponist in Hollywood.
Im Interview mit Sybille Berg, das sich wie ein roter Faden durch diesen überraschungsreichen Film zieht, erzählt er von seiner Kindheit in Kanada, seinen ersten Erfahrungen als Rapper auf Berliner Bühnen und der Zusammenarbeit mit Szene-Größen wie Jarvis Cocker, Feist, Drake oder Peaches. Mit letzterer zusammen kam er nach Berlin, bereits in Kanada hatten die beiden eine gemeinsame Band namens „The Shit“ (Weil wir der heißeste Scheiß waren – Gonzales). Belegt und unterbrochen wird das immer wieder von alten Aufnahmen aus Gonzales reichhaltigem Video-Archiv. Der Musiker – so hat man bald den Eindruck – hat jeden seiner zahlreichen Auftritte auf Video dokumentiert. Dem Filmemacher Philipp Jedicke gestattete er uneingeschränkten Zugriff auf dieses Archiv, verbat sich jedoch als Bedingung für die Zusammenarbeit jegliche Aufnahmen aus seinem Privatleben. So wird schon bald deutlich: Chilly Gonzales ist eine reine Kunstfigur. Doch das verbindet ihn mit Legenden wie Bob Dylan oder Orson Welles.

Mit Dylan verbindet in auch der ständige Drang, sich immer wieder neu zu erfinden. Bereits 2004 veröffentlichte er das Album „Solo Piano“, dem 2012 „Solo Piano II“ folgte. Minimalistische Klavierstücke, die eher an Erik Satie erinnern als an seine früheren Experimente mit Elektro-Noise-Rock. Mit diesen Kompositionen war er zu Gast beim Berliner Glen-Gould-Festival und erregte die Aufmerksamkeit der internationalen High-Brow-Musikkritik. Und so lud er sich schließlich selbst in die heiligen Hallen der Hochkultur ein, wo er das Publikum bei seinen klassischen Orchester-Konzerten mit seinem unbändigen Talent als Entertainer brüskierte und gleichermaßen amüsierte.

Egal, ob Sie Chilly Gonzales bereits live erlebt haben oder nicht, Shut up and play the piano bietet einen Einblick in die bisherige Karriere eines Musikers, der mit Sicherheit zu den ungewöhnlichsten Figuren des beginnenden 21. Jahrhunderts gehört. Shut up and play the piano ist auch eine überaus unterhaltsame Einführung in die musikalische Avantgarde seit dem letzten Millenium (dies nur für den Fall, dass Ihre letzten live-Konzerte solche von Musikern waren, die ihre Debut-Alben bereits in den 60ern veröffentlicht haben).
Richard Hehn