Filmreihe

Scherbenhaufen 68?
Das Jubiläumsjahr neigt sich dem Ende zu und langsam verzieht sich der Rauch jenes imaginären Feuerwerks, mit dem die 50-jährige Wiederkehr des „Mai 68“ gefeiert worden ist. Zurück bleibt der Eindruck, nun sei wirklich alles zu diesem Thema gesagt. Und trotz aller intensiven Ausleuchtung das schale Gefühl, jenes historische Ereignis, welches hier allenthalben ventiliert wurde, sei für unsere heutige Lebenswirklichkeit nur noch von ähnlich historischem Interesse wie der Prager Fenstersturz, der sich in diesem Jahr ebenfalls zum 300. Mal jährte – und zum Auslöser des 30-jährigen Krieges wurde.

Genau der richtige Moment, um sich noch einmal ein paar Gedanken zu machen, was sich denn alles in den vergangenen 50 Jahren verändert hat. Denn manches geschah so unmerklich und langsam, dass es fast an den legendären Greenpeace-Werbespot aus den 90er Jahren erinnert. Erinnern Sie sich noch daran? Jenen Spot, in dem der Frosch so lange im langsam heißer werdenden Wasser sitzen bleibt, bis er kocht? Genau den. Ich glaube, er war sogar im Guckloch zu sehen, obwohl wir hier sonst nie Werbung zeigen. Die Veränderungen waren so schleichend, dass man sich ihrer in den Elfenbeintürmen der links-alternativen Szene gar nicht bewusst wurde. Aber dann war auf einmal alles ganz anders und unübersehbar. Während heute die letzten noch überlebenden „Alt-68er“ langsam in die Altersmilde dämmern, werden die braunen Horden immer unüberhörbarer, wenn sie das Ende der „linksgrün-versifften Weltverbesserer“ heraufbeschwören. Um also im Bild des Greenpeace-Spots zu bleiben: Mit den Filmen in dieser Reihe sollen Frosch und kochendes Wasser wieder plötzlich und unerwartet aufeinanderprallen.

Denn ich will nicht ein weiteres Mal jene Filme aus der Mottenkiste der Filmarchive holen, die gemeinhin als typisch für die Zeit um `68 gelten. Das habe ich vor 10 Jahren getan, als der letzte runde Geburtstag anstand, und ein weiteres Mal in diesem Frühjahr im Rahmen der „Guckloch Filmgeschichte(n)“. Für diese letzte Reihe zum Thema `68 möchte ich deshalb über vier Filme sprechen, die allesamt im vergangenen Jahr entstanden sind und die ich alle innerhalb weniger Tage auf der Berlinale 2018 gesehen habe. Alleine durch die zeitliche Nähe auf dem Festival drängte sich mir daher ein Vergleich auf, den ich hier nachvollziehen will und für den ich jeweils zwei Filme thematisch paarweise gegenübergestellt habe. Der erste Vergleich steht dabei unter dem Motto:

Der Verlust des Politischen in der Kunst
Im Zentrum der beiden Dokumentarfilme Der Film verlässt das Kino und Shut up and play the piano stehen Künstler, die mit Fug und Recht mit Etiketten wie Alternativ, Subversiv oder „Underground“ versehen werden dürfen. Beides Künstler, die der breiten Masse des Publikums unbekannt sein dürften, doch in ihren jeweiligen „Szenen“ zu Stars geworden sind. Auf der einen Seite ist dies die Filmemacherin Ula Stöckl, auf der andern der Pianist Chilly Gonzales. Ula Stöckl, die mit ihrer Kurzfilmreihe Geschichten vom Kübelkind, die sie 1970 zusammen mit Edgar Reitz realisierte, zu einer der Wegbereiterinnen des feministischen Kinos wurde, konnte ihre künstlerische Arbeit niemals außerhalb eines politischen Kontextes sehen. Dem kanadischen Pianisten Chilly Gonzales, der in den vergangenen Jahren zu einem der erfolgreichsten Musiker der neuen Berliner Underground-Kultur wurde, ist solches Denken völlig fremd. In seinen teilweise absurden Konzert-Performances praktiziert er absoluten Eskapismus gepaart mit einer megalomanen Selbstdarstellung. In ihrer Lust am Experiment, an der Provokation und an bewussten Grenzüberschreitungen haben die beiden jedoch mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick vielleicht denkt.

Im direkten Vergleich dieser beiden auch in vielerlei anderer Hinsicht sehenswerten Dokumentarfilme wird jedoch auch die Entwicklung von einer Kunst, die gesellschaftliche Veränderungen bewirken wollte, zu einem reinen „just for fun“ überaus deutlich.

Im zweiten Teil der Reihe, der aus terminlichen Gründen erst Anfang 2019 stattfinden kann, wird es dann um Psychologie und Individualismus gehen.
Richard Hehn